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Wissenschaftliche Beiträge Ostrakoden: Muschelkrebse Eine Einführung mit kurzem Leitfaden zur Haltung
Insgesamt gibt es über 2000 Arten von Muschelkrebsen – im Meer kommen weit mehr als 1000 vor, und in den Binnengewässern Europas ungefähr 400. Dafür fehlen die kleinen Krebse hierzulande in kaum einem Gewässer. Größtenteils kommen sie sicherlich in pflanzenreichen Weihern vor, wo man sie bei vorhandenem Interesse denn auch mit geeigneten Apparaturen einsammeln und zuhause in einem Aquarium kultivieren kann. In Quellen, Grundwasser, in Höhlen, in Tümpeln, sogar für stark salzhaltige Gewässer und reißende Bäche gibt es aber ebenfalls speziell angepaßte Arten. Die Mehrzahl der Ostrakoden wird von Bodenbewohnern gestellt – diese kriechen am liebsten dem Schlammgrund sowie dem Wasserpflanzen-Gewirr entlang. Dabei heften sie sich an glatten Blättern mit einem Sekret fest, das von den Spinndrüsen an den Antennen geliefert wird. Andere Arten wiederum schwimmen hauptsächlich frei im Wasser umher. Mit zwei Antennenpaaren als Schwimmorganen können sie sich sehr flüssig fortbewegen. Die hauptsächliche Nahrungsquelle für Ostrakoden sind verwesende Stoffe (z.B. abgefallene Blätter), aber auch andere Kleinstorganismen (z.B. Bakterien und Diatomeen). Besonders hervorstechend dürfte für viele die Zähigkeit bzw. Widerstandsfähigkeit der Krebschen sein, denn bei den meisten Arten sind nicht nur die Eier in der Lage, sehr lange gefrorene oder ausgetrocknete Wohngewässern unbeeinträchtigt zu überstehen, sondern genauso die Larven und die adulte (= ausgewachsene) Tiere. Dies bewerkstelligen sie, indem sie ihre Schalen fest zusammenschließen und sich somit praktisch von der feindlichen Umwelt abkapseln. Dieses Phänomen ist bei einer Haltung von Muschelkrebsen zuhause sowohl faszinierend als auch nützlich: Man kann das Aquarium nämlich einfach draußen überwintern lassen und wird im Frühjahr dann feststellen, daß die Muschelkrebse fröhlich wie eh und je wieder herumkreuzen. Oft treten adulte Tiere verschiedener Arten nur für kurze Zeit zu einer bestimmten Jahreszeit auf, so daß von Frühjahrs-, Sommer-, manchmal auch Herbst- sowie Dauerformen gesprochen wird.
Die lateinische Bezeichnung Ostracoda für einen Muschelkrebs, die nur zum Ausdruck bringt, daß das Tier von einer Schale umgeben ist (im Griechischen bedeutet ostrakon Schale bzw. Gehäuse), ist eigentlich weniger zweckdienlich als die deutsche Bezeichnung Muschelkrebs. Diese beinhaltet nämlich neben der Tatsache, daß es um Tiere geht, die ähnlich den Muscheln mit einer zweiklappigen Schale, welche zur Schließebene mehr oder weniger symmetrisch ist, ausgestattet sind, ebenso, daß es sich bei diesen Tieren um Krebse handelt. Im Unterschied zu anderen Krebsen mit zweiklappigem Carapax (Gehäuse) ist für die Muschelkrebse bezeichnend, daß die beiden Klappen normalerweise am Dorsalrand ( = Rückenrand) auch völlig voneinander getrennt sind. Dort stehen sie durch ein Schloß miteinander in Verbindung. Etwa bei den Branchiopoden, zu denen beispielsweise der echte Kiemenfuß zu rechnen ist, ist die Schale nicht längsgeteilt sondern nur dorsal geknickt, so daß die Klappen nicht ein Schloß bilden sondern einfach zusammenhängen. Des weiteren ist der Körper des Tieres bei den Ostrakoden meist vollständig vom Gehäuse umschlossen, wodurch er auch seitlich zusammengedrückt wird. Wegen des Umschlossenseins hat sich im Laufe der Stammesentwicklung der Muschelkrebse die Segementierung des Körpers nach und nach zurückgebildet, was bedeutet, daß bei den heute lebenden Formen praktisch keine Segmentierung mehr zu sehen ist. Nur eventuell ist durch eine mehr oder weniger prominente Einschnürung die Einteilung in Kopf und Thorax (Rumpf) noch möglich. Das Blutgefäßsystem stellt sich als sehr primitiv dar, bisweilen fehlen sogar Lichtsinnesorgane. Gleich wie andere Krebse finden bei Ostrakoden im Laufe der Ontogenese mehrere Häutungen statt - meist 8 mal, so daß neben dem anfänglichen Larvenstadium, nämlich dem sogenannten Naupilus-Stadium im Normalfall 7 weitere Larvenstadien sowie diejenige des adulten Tieres zu beobachten sind. Zur Größe bleibt zu sagen, daß die meisten Muschelkrebse zwischen 0,5 und 5 bis maximal 10mm groß sind. Der Großteil kommt entweder kriechend oder schwimmend voran, aber einige Formen graben sich auch ein oder leben hemisessil. Hierbei läßt sich dies auch an der Schalenform erkennen: Als typische Schwimmermerkmale wären etwa eine einigermaßen stromlinienförmige Form, ein glattes Gehäuse, eine konvexe Ventralwand, ein gekielter Rand sowie eine schmale Basis zu nennen, während für Kriecher eine abgeflachte Ventralwand, ein tiefer Schwerpunkt sowie das Fehlen eines gekielten Randes und ein Gehäuse mit ausgeprägter Skulptur kennzeichnend sind. Die beiden Hälften der stark verkalkten Schale werden neben den schon genannten Schloßbildungen noch durch ein dehnbares Band zusammengehalten. Dieses läßt die Schalenhälften klaffen, allerdings wirkt dem beim lebenden Tier ein quer durch den Körper gezogener Schließmuskel zuwider. Während die Innenwand der Schale fein mit Chitin überzogen ist und deswegen glatt bleibt trägt die Außenwand Drüsenmündungen, Börstchen, Gruben und Leisten. Im Zwischenraum der doppelwandigen Schale fließt Blut, und sowohl Keimdrüsen als auch Darmdivertikel können sich da hinein schieben. Von den Sinnesleistungen der Ostrakoden ist außer dem Lichtsinn eigentlich wenig bekannt. Licht wird offenbar von den allermeisten Muschelkrebsen wahrgenommen, oft mit einfachen Augen, ansonsten möglicherweise mit Hautlichtsinneszellen. Im Gegensatz beispielsweise zu Artemien, die von einer Lichtquelle geradezu magisch angezogen werden, bewegen sich diese Krebschen in der Regel weg vom Licht. Sie können auch nur hell und dunkel unterscheiden, bis auf die ganz wenigen räuberischen Arten, welche genauso wie ein paar bioluminiszierende Formen Bewegungen optisch erfassen können. Wie beim statischen Sinn ist zur Sehschärfe und dem Farbensinn so gut wie nichts bekannt. Der Tastsinn hingegen ist weit fortgeschritten, wie die Erkenntnis, daß schon bei schwacher Berührung der oben genannten (Tast-)Borsten die Schale oft sehr plötzlich geschlossen wird, zeigt. Aquariumsversuche machen deutlich, daß der chemische Sinn ebenso sensitiv ist, denn hinzugefügte Nahrungsbrocken oder zu paarungsbereiten Männchen gebrachte Weibchen rufen praktisch instantane Reaktionen hervor. Schwimmen können die kleinen Krebschen, indem sie mit den zwei Antennenpaaren gleichzeitig schlagen (das 1. nach hinten oben, das 2. nach hinten unten). Die zweiten Antennen sorgen jeweils für Vorschub und Antrieb, im Endergebnis ist das Schwimmen sehr flüssig. Die Vermehrung geht bei den meisten Formen getrenntgeschlechtlich vonstatten, sowohl ausschließlich wie auch zusammen mit bisexueller Fortpflanzung kommt jedoch auch die Parthenogenese (wie sie ja genauso bei Artemien und Triops bekannt ist) vor. Der Akt der Begattung selber ist nur bei sehr wenigen Arten beobachtet und untersucht worden. Bei den limnischen Arten hängt die Paarungszeit zudem von der jahreszeitlichen Periodizität ab, das Verhältnis der Geschlechter schwankt bisweilen bei einzelnen Populationen stark, beträgt normalerweise aber 1:1. Nichtsdestotrotz überwiegt aber häufig ein Geschlecht, normalerweise das weibliche, welches noch dazu eine höhere Lebenserwartung hat. Bis jetzt ist das Ablegen der Eier nur im Laboratorium beschrieben worden – planktonische Arten ohne Brutpflege stoßen die Eier vermutlich einfach ins Wasser, während bodenbewohnende Formen sie wahrscheinlich (ähnlich den Triops) fest heften. Limnische Arten, bei welchen die Eiablage untersucht ist, legen die Eier entweder einzeln oder als Gelege mit einer Größe zwischen 2 und 50 am Boden oder an Wasserpflanzen. Die extrem angepaßten Eier (siehe oben) treten daraufhin erst einmal für eine gewisse Zeit in einer Ruhepause, insbesondere wenn nur eine Generation pro Jahr vorhanden ist. Häufig treten geschlechtsreife Tiere nur zu bestimmten Zeiten auf, und diese Periodizität wird im Regelfalle von der Temperatur bestimmt. Daher ist diese Periodizität auch in den hiesigen, gemäßigten Breiten viel deutlicher ausgeprägt als etwa in den Tropen, aber ökologische Faktoren auf lokaler Ebene wirken sich zusätzlich verändernd auf die Periodizität aus. Die Lebensdauer wiederum ist eng mit dieser verknüpft und beträgt normalerweise weniger als 1 Jahr, nämlich ungefähr zwischen 40 und 350 Tagen. Einige marine Formen (wenn hier Fragen auftauchen: der Text gilt im großen und ganzen für alle Ostrakoden, aber eigentlich gehe ich natürlich auf die Süßwasserformen ein, speziell beim Haltungs- und Zuchtteil am Ende) leben bis zu 3 Jahren. Unter den Muschelkrebsen gibt es sowohl Räuber als auch Algenweider, Detritus- und Aasfresser, saugende Formen, Filtrierer und noch viele mehr. Demnach ist die Nahrung je nach Art sehr verschieden: So zum Beispiel Algen (Gattung Heterocypris), Tierleichen (Gattung Cypris), Diatomeen, Blätter (Gattung Candona). Notodromas filtriert Kahmhäute, aus welchen er mithilfe der Mandibeln Bakterien ‚gewinnt’. Auf die Art der Nahrung kann natürlich vom Darminhalt zurückgeschlossen, aber einfacher wohl aus dem Aufbau der Mandibeln geschlossen werden, denn das Fressen an sich ist äußerst umständlich zu beobachten. Die taxonomische Einordnung der Muschelkrebse ergibt sich folgendermaßen: Stamm Arthropoda (Gliederfüßer), Klasse Crustacea (Krebse), Unterklasse Ostracoda (Muschelkrebse). Dann liegt noch eine Aufteilung in mehrere Familien vor. Hier möchte ich nun ein paar wenige Arten auflisten, zur exakten Bestimmung braucht es allerdings einiges an Wissen. Die Arten mit einem Ausrufezeichen sind in Tümpeln und Pfützen im Wald oder Park wahrscheinlich am ehesten anzutreffen, so daß man vielleicht eine dieser drei Arten zuhause hat, wenn man dort auf ‚Muschelkrebschenjagd’ geht. (Vielleicht gibt es ja auch bei Urzeitkrebse.de bald Ostrakoden-Eier!).
1. Ilyocypris gibba, Höckermuschelkrebs. Größe bis zu 1mm, Vorkommen sehr verbreitet und in Kleingewässern aller Art.
2. Candona candida (!) , Perlmutt-Muschelkrebs. Bis 1,2 mm, überall häufig, skeletterien Blätter (siehe oben).
3. Cyclocpris laevis, Runder Muschelkrebs. 0,5 mm lang, in allen Gewässertypen sehr häufig.
4. Notodromas monacha (!) , Rückenschwimmer-Muschelkrebs. Bis 1,2mm, in Gewässern aller Art sehr häufig.
5. Cypris pubera, Grüner Muschelkrebs. Bis 2,6mm, häufig in Seen, Tümpeln und Wiesengräben.
6. Eucypris virens, Gelbfleck-Muschelkrebs. Bis 2mm , als kriechende Bodenform vor allem im Frühjahr überall häufig.
7. Herpetocypris reptans (!), Schlangen-Muschelkrebs. Zwischen 2 und 7 mm, in allen Gewässertypen verbreitet.
Nun zur Haltung der Muschelkrebschen:
Diese ist (wie viele vielleicht der Meinung sein mögen, im Gegensatz zu derjenigen der Artemien und vor allem der Triops) einfach und bereitet somit ohne viel Aufwand einiges an Freude und läßt teils tiefe Einblicke in die Süßwasserökologie zu. Am besten gibt man in ein mittelgroßes Aquarium (mögliche Ausmaße: 30*30*30) etwas Sand oder Schlamm (und zwar nach Möglichkeit vom Fundort stammend), mehrere kleine aufgesammelte Steine sowie ein oder zwei größere. Dann vielleicht noch ein Holzstück (wie beim sogenannten “Conditioner“: sorgt für die nötigen Mikroorganismen), mehrerer Blätter und ein kleines Stück Moos, welches im Wald schnell gefunden sein sollte. Der Wasserstand ist eigentlich egal, 20 cm wären ganz empfehlenswert. Noch zum Thema, das wahrscheinlich aufgrund der Bedingungen bei den Triops und Artemien zu vielen Fragen führen würde: Ganz normales Leitungswasser kann benutzt werden. Die Muschelkrebse stört das nämlich überhaupt nicht. Normales Regenwasser kommt natürlich auch infrage, destilliertes Wasser hingegen genauso wenig wie salzhaltiges. Mit diesen Bedingungen sollte sich eine schöne Ostrakoden-Kultur herausbilden, die von selbst ohne viel Aufwand weiterbesteht. Denn füttern muß man sie höchstens ganz selten mit ein paar Blättern. Dann kann man sich ans Beobachten machen – ich wünsche allen viel Spaß mit den kleinen Krebschen! Meiner Meinung nach sind sie wirklich sehr gut für ein heimisches “Tümpel-Aqurium“ geeignet. Selbstverständlich sind die Tiere oft mit anderen vergesellschaftet, da kann ein wenig herumprobiert werden. Die besten Rückschlüsse sind da von einem Tümpel zu ziehen.
Ansonsten: Fragen zu den Ostrakoden können ab sofort auch ins Forum gestellt werden!
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